Interviews führen und schreiben

Das Interview als journalistische Darstellungsform ist für Journalisten immer eine große Herausforderung. Das Gespräch zwischen einem Interviewer und dem Interview-Partner ist dann erfolgreich, wenn einige Bedingungen erfüllt sind. Sie können sich als Interviewer nicht auf alle Situationen einstellen, doch eine gründliche Vorbereitung und ein vorher skizzierter Aufbau sind zwei elementar wichtige Bausteine für ein erfolgreiches Interview.

Es gibt verschiedene Arten von Interviews, doch im Grunde basieren alle Gespräche auf dem gleichen Handwerk, welches Journalisten in der Schule oder an der Universität erlernen. In der heutigen Zeit gibt es verschiedene Medien, in denen uns empfehlenswerte Beispiele geboten werden. Aktuell hat vor wenigen Tagen die Bewerbung für den Deutschen Podcast-Preis 2020 geendet und in der Kategorie „Beste Interviewerin/ Bester Interviewer“ gibt es spannende Personen, die in ihrem Format dem Gesprächspartner interessante Details und Geheimnisse entlocken konnten.

Erfolgreiche Interviews im Podcast-Format

Alles gesagt? Der Interview-Podcast vom Zeit Magazin und Zeit Online

In dem Podcast „Alles gesagt?“ geht es um ein Interview, welches erst bei einem vorher definierten Code-Wort beendet wird. Bis dahin führen die Chefredakteure Christoph Amend und Jochen Wegner dieses Gespräch, welches zum Beispiel mit dem YouTube-Star Rezo knapp neun Stunden gedauert hat. Die beiden Experten auf dem Gebiet der Interviews gelingt es ein Gespräch über so viele Stunden zu führen und die Zuhörer genießen dieses Format. Ihnen gelingt es mit der Bestellung von Essen und auf den Gast zugeschnittene Getränke eine Atmosphäre des Wohlfühlens entstehen zu lassen, so dass der Interviewpartner immer weiter redet. Sie können das komplette Gespräch nicht vollständig vorbereiten, doch sie haben die richtigen Fragen und Themen natürlich in der Schublade und im Vorfeld ausführliche Recherchen angefertigt. Ihrem Interviewpartner schenken sie somit die volle Aufmerksamkeit und lassen ihn die Mikrofone vergessen. Wenn das Code-Wort im Interview fällt, dann endet der Podcast sofort. Ulrich Wickert passierte es in einer Folge, dass er dies bereits nach 12 Minuten versehentlich sagte und bekam dann aber eine zweite Chance vor einem Live-Publikum un dieses dauerte knapp fünf Stunden.

Dieses Interview-Format zeigt auf, dass gute Fragen eine optimale Basis für ein Gespräch sind, aber viele andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Deutschland 3000 mit Eva Schulz

Eva Schulz geht einen anderen Weg und begleitet ein Interview mit Kommentaren, die im Anschluss in das Gespräch geschnitten werden. Sie bewertet das Verhalten ihrer Gäste anschließend, so dass sich hier ein erweitertes Bild des Gastes aus ihrer Sicht ergibt. So wird eine neue Ebene in einem Podcast geöffnet, die es so auch nicht in TV-Interviews gibt. Wir erfahren also nicht nur das gesprochene von ihrem Gast, sondern sie deutet auch Mimiken und Gesten. Hier empfehlen wir die Folge mit Felix Lobrecht, dessen Aussagen mit Hilfe ihrer Kommentare in ein anderes Licht gerückt wurden. O-Töne gibt es in diesem Podcast auch, um das Berufsbild des Gastes besser vorstellen zu können. Dies schafft eine Brücke zu den Zuhörern, die den Gast bislang noch nicht kannten. Einen ähnlichen Ansatz finden wir auch in dem Buch „Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann*, die für ihr Buch auch Interviews geführt hat und die gesamte Szenerie in eigenen Worten in ihrem Buch beschriebt. Ebenfalls ein sehr spannendes Konzept.

Das Hotel Matze lädt ein

Matze Hielscher ist einer meiner ganz großen Favoriten auf den Podcast-Preis, denn seine Interviews sind nahezu perfekt. Er hangelt sich deutlich an einem Skript an, welches er ohne Probleme auch mal verlassen kann. Zuletzt sagte sein Gast Tommi Schmitt, dass Matze Hilscher es schaffen würde, ihm ganz besondere Aussagen und Erkenntnisse zu entlocken. Sein Podcast „Hotel Matze“ hat immer interessante Persönlichkeiten zu Gast. Er verursacht ein Hotelzimmer-Flair herzustellen, die Interview-Partner ziehen die Schuhe aus und dann wird sich am Lebenslauf des Gastes abgearbeitet. Am Ende stellt Matze Hielscher seinen Gästen immer drei schnelle Fragen, die das gesamte Gespräch optimal abrunden. Hört am besten mal selbst rein und ihr bekommt die besten Tipps für ein erfolgreiches Interview. In einem unserer Artikel haben wir bereits die Folge von Hotel Matze mit dem Galeristen Johann König empfohlen.

Die perfekte Vorbereitung auf ein Interview

In der ersten Frage solltet ihr immer einen lockeren Anfang kreieren, der die Spannung bei dem Partner löst. Damit wird der erste Eindruck verstärkt. Geschlossene Fragen sind das Böse in Gesprächen, denn diese bedeuten, dass diese Art von Frage mit einem „Nein“ oder „Ja“ beantwortet werden können. Wenn ihr immer wieder geschlossene Fragen verwendet, dann wird das Gespräch eintönig und langweilig. Offene Fragen sind meist komplexer und gehören während den Vorbereitungen aufgeschrieben. Am besten geht ihr so vor, dass ihr eure Fragen in verschiedene Themen kategorisiert, die ihr auf einem Blick sehen könnt. Fällt ein passender Satz zu einer der Fragen, dann könnt ihr diese Stellen oder wartet bis zu dem eigentlichen Thema ab. Je offener ihr das Gespräch führt und den Gast auch erzählen lasst, desto besser wird das Gespräch.

Unzulässige Fragen vermeiden

Je nach Gast und Format sind zu persönliche Fragen unzulässig, da es hier zu einem Bruch im Vertrauensverhältnis und für die entspannte Atmosphäre kommen kann. Klärt diese Themen entweder vorher ab oder vermeidet diese aktiv anzugehen. Wenn es im natürlichen Gespräch auf diese Themen ansteuert, dann müsst ihr es behutsam moderieren. Fragt aber nach dem Interview, ob das Gesagte vollständig abgedruckt oder gesendet werden darf.

Empfehlenswerte Bücher zu dem Thema „Interview“

In meiner Filterblase werden immer diese bekannten Interviewer genannt, dessen beste Interviews mit großen Persönlichkeiten in einem Buch erschienen sind. Sven Michaelsen*, Alexander Gorkow* und Moritz von Uslar* werden hier häufig genannt. Je häufiger ihr deren Interviews lest, desto besser werden eure eigenen Werke. Um das Handwerk vorab zu erlernen gibt es drei Standard-Werke, die an Journalismus-Schulen und im Journalismus-Studium häufig empfohlen und gelesen werden.

Als ich für die WAZ als freier journalistischer Mitarbeiter unterwegs war, da habe ich „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus*“ immer in der Tasche gehabt. Damals noch ohne die zusätzlichen Kapitel über Online-Journalismus. Heute ist das Interview in Blogs und auf Online-Plattformen ein reichweitenstarkes Instrument im Content Marketing. Als Host ladet ihr Gäste mir hoher Reichweite ein und hofft auf die Leserschaft, die aus seiner Community akquiriert wird. Bis diese Gäste allerdings kommen, müsst ihr diese durch eure Arbeit begeistern und euch interessant machen. Alle Bücher gibt es natürlich auch als E-Book und vermitteln wichtige Soft Skills. Diese Skills beinhalten auch den Umgang mit einem Zitat, denn richtiges zitieren kann sehr wichtig sein, wenn es doch noch zu Unstimmigkeiten zwischen den Gesprächspartnern kommt. Meinem beruflichen Werdegang hat die Erfahrung als Journalist viel gebracht, denn im Online-Marketing und als Blogger lässt sich dieses gelernte Handwerk und Wissen wunderbar anwenden.

Ihr müsst aufhören euch die klassischen Fragen herauszusuchen, sondern genau die Fragen herausarbeiten, die für euer Ziel von großer Bedeutung sind. Eigene Fragen mit viel Hintergrundwissen und Persönlichkeit anfüttern, dann werden sich beide Seiten wohl fühlen. Ein strukturiertes Interview mit genug Freiraum für Überraschungen bedeuten ein gelungenes Interview.

Weg von dem Frage-Antwort-Spiel

In der Schule habe ich bei dem Zeus-Projekt mitgemacht und führte damals mein erstes Interview. Meine Fragen standen komplett vorbereitet auf einem Zettel, diese wurden abgefragt und fertig. Keine Nachfragen, kein Nachhaken und vor allem keine Rückfragen auf ausweichende Antworten waren das Ergebnis. Natürlich war ich noch Grundschüler, aber genau dieses Niveau finden wir heute noch im Boulevard und dies zeigt uns aber sofort, dass hier kein persönliches Gespräch stattgefunden hat. Die Fragen wurden abgeschickt, dann Zuhause beantwortet und der Journalist hat sich daraus was gebastelt. So etwas zu veröffentlichen ist keine große Kunst und wird auch niemals die Reichweite erlangen, die ihr euch vielleicht erträumt. Ihr müsst mit den Interviewten in einen Dialog treten. Dabei habt ihr zwar immer euer Ziel im Auge, aber dies erreicht ihr eben durch die bisher genannten Tipps aus dem Artikel.

Video-Interviews mit Frank Elstner

Eine letzte Empfehlung habe ich noch, denn das Video-Interview ist mit Sicherheit eine Königsdisziplin, denn hinter gesprochenem und geschriebenem können sich Protagonisten mehr oder weniger verstecken. Im letzten Jahr eröffnete Frank Elstner einen YouTube-Kanal und unter dem Titel „Wetten, das war’s..?“ interviewte die TV-Legende mehrere Prominente, wie zum Beispiel Jan Böhmermann, Herbert Grönemeyer und Helene Fischer. Hier können alle angehenden Journalisten etwas lernen. Das Format wechselt im Jahr 2020 nach Netflix und wir dürfen uns auf viele weitere Folgen freuen.

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